Schreibretreat

08.09.2026

Oder: Warum Schreiben manchmal damit beginnt, nicht zu schreiben

Mit Impressionen aus dem Alten Forsthaus in Germerode,https://www.altes-forsthaus-germerode.de/altes-forsthaus wo wir dieses Jahr zu Gast waren.

Bei meinen Schreibretreats sitzen wir nicht den ganzen Tag am Tisch und warten darauf, dass die richtigen Sätze kommen. Im Gegenteil. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, die Teilnehmer: innen zunächst vom Text wegzubringen. Darüber denke ich im Vorfeld sehr lange nach, was dann auch dazu führt, dass ich zwei schwere Koffer  und Ikeataschen voller Material zum Retreat mitbringe.

Wir bewegen uns – draußen, nutzen das, was die Gegend bringt, dieses Jahr waren das Obstbäume mit tiefhängenden Ästen, voll reifer und teils unglaublich roter Äpfel, Fachwerkhäuser, ein altes Kloster und der Blick über sanfte grüne Hügel, bei denen man den Blick weit schweifen lassen konnte, was nachweislich hilft, die Seele zu entspannen.

Wir richten die Wahrnehmung auf das, was tatsächlich da ist – statt ausschließlich auf das, was im eigenen Kopf bereits endlose Kreise gezogen hat.

Wir beobachten – dieses Jahr waren das seltsame Kunstwerke auf stoppeligen Mohnfeldern, Baumrinden und rostige Traktorteile.

Wir gestalten – Bilder, kleine Kunstwerke, die aus dem draußen Erlebten und Mitgebrachten  entstehen. Dieses Jahr haben wir Knete verwendet, um aus Abdrücken ein Bild zu kreieren.

Wir gebrauchen – die Hände zu etwas anderem als dem ewigen Tippen und Schreiben, kurzum wir konzentrieren uns auf Aktionen, bei denen die Sprache für eine Weile keine Rolle spielt.

Es sind quasi ekphrastische Schreibübungen, zu selbsterschaffenen Kunstwerken. Ekprasis bezeichnet das Schreiben in Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk, Foto oder auch Gegenstand. Mich interessiert daran allerdings nie die möglichst genaue Beschreibung eines Bildes. Spannend wird es auch hier, wenn das Gesehene oder Erschaffene dann etwas Anderes in Bewegung setzt: eine Erinnerung, eine Figur, einen Konflikt, eine Stimme oder eine Geschichte, die vorher noch gar nicht vorhanden war.

Viele Texte entstehen also aus dem, was während des Retreats geschieht. Aus einer meiner Aufgaben bringen die Teilnehmerinnen zufällig etwas mit: eine Beobachtung, ein Fundstück, ein Geruch oder Geräusch, der Bewegung einer Spinne. Damit gestalten sie etwas, und erst dann gibt es eine Schreibaufgabe, ein Schreibimpuls, zu den Stoffen/Ideen der Teilnehmenden Das Material des Retreats wird so zum Ausgangspunkt des Schreibens.

Dadurch entsteht etwas, das sich, nur am Schreibtisch sitzend, schwer erzwingen lässt: Verbindungen zwischen Dingen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten.

Und plötzlich schreibt man nicht mehr darüber, ob einem etwas einfällt. Es fällt einem etwas ein.

Diese Wechsel zwischen Bewegung und Schreiben, Wahrnehmen und Erfinden, Tun und Formulieren erzeugt häufig einen erstaunlichen Flow beim Schreiben. Das hat weniger mit Inspiration aus heiterem Himmel zu tun, als mit einem anderen Zugang zur eigenen Kreativität. Der Kopf bekommt neues Material. Der Körper ist beteiligt. Die Wahrnehmung wird genauer. Gewohnte Denkwege werden unterbrochen.

Für mich liegt genau darin der besondere Wert eines Schreibretreats: nicht möglichst viele Stunden zu schreiben, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen etwas entstehen kann, auf das man am Schreibtisch allein vielleicht nie gekommen wäre. Unglaublich, aber wahr, auch in diesem Jahr, wollten alle nach dem Abendessen noch weiterarbeiten, an dem, was tagsüber angeschubst wurde… und was könnte mehr Spaß machen, als zu sehen, wie Ideen wachsen, wie man etwas schafft, was vorher nicht da war.

Denn Kreativität braucht Entspannung UND Konzentration… und gutes Essen natürlich auch! Danke an das Alte Forsthaus

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